Verrückt oder weise? – Filmvorstellung

Ein Fotograph und Filmemacher, Phil Borges, der jahrzehntelang die Kultur indigener Völker erforscht und fotografiert hat, hat einen Film über psychotische Erfahrungsweisen gedreht und nennt ihn »CRAZYWISE«: Ihn interessiert die Frage, ob das, was in unserer westlichen Gesellschaft als eine »erste psychotische Episode« pathologisiert wird, nicht in Wirklichkeit mit dem Phänomen einer »schamanischen Initiation« in anderen Kulturen vergleichbar ist.

CRAZYWISE Trailer from Phil Borges on Vimeo.

Adam und Ekhaya

Über mehrere Jahre begleitet der Filmemacher seine zwei Protagonisten, Adam und Ekhaya. Bei beiden ging das  »Verrückt-Sein« in den Anfängen ihrer Zwanziger-Jahre los. Adam ist »bipolar«, Ekhaya hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich und musste ihre drei Kinder in eine Pflegefamilie geben, weil sie therapeutische Betreuung brauchte.

Ekahaya berichtet über eine schwierige Kindheitssituation mit sexuellem Missbrauch. Bei Adam sind alle sehr überrascht, als der hochbegabte, beliebte, sportlich aktive junge Mann, sich 4 Tage nach seinem 20. Geburtstag nur noch in sein Zimmer einschließt und eine »Weltformel« berechnet. Die Wände des Raums werden zu diesem Zweck mit mathematischen Symbolen vollgekritzelt.

Beide kommen bald nach ihren anfänglichen »Entgleisungen« mit der Psychiatrie in Berührung und werden mit Psychopharmaka behandelt. Geholfen hat ihnen das – nach ihren eigenen Aussagen – nicht. Ihre Heilungswege verliefen jedoch sehr unterschiedlich: Adam entzieht nach 4 Jahren psychiatrischer Behandlung in einem 10-tägigen Vipassana-Retreat selbst seine Medikamente und wird zum Veganer, Nichtraucher und Antialkoholiker, was er aber bis zum Ende des Film nicht durchhalten kann. Ekhaya begegnet einer Lehrerin, die sie in einer Form des indianischen Schamanismus unterrichtet und ihren eigenen Weg zur Heilerin unterstützt. Sie zieht wieder in die Nähe ihrer Kinder und wird in die Pflegefamilie integriert.

Experteninterviews

Die Dokumentation dieser beiden Heilungs- und Entwicklungswege wird von einigen Experteninterviews begleitet. Namhafte Personen aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen unterstützen mit ihren Aussagen die Hinterfragung unseres derzeitigen Psychiatriesystems und lassen deutlich werden, wie wenig die Schulmedizin immer noch über die Vorgänge des »Verrückt-Werdens« weiß. Unsere gewohnten Normalitätsvorstellungen werden relativiert.

Ein Experte, Will Hall, dem selbst in jungen Jahren die Diagnose »schizoaffektive Psychose« gegeben wurde und der heute mit großem Engagement psychiatrische Selbsthilfegruppen betreut, fällt hier besonders auf: Er ist ein lebendes Beispiel dafür, dass angeblich unheilbare psychische Krankheiten ganz andere Entwicklungen nehmen können als die Schulmeinung das vorsieht.

Indigene Kulturen

Zwischendrin werden immer wieder Menschen aus indigenen Kulturen gezeigt, bei denen am Anfang ihrer »Erweckungen«, ähnliche Symptome wie bei den westlichen Protagonisten zu beobachten waren, auf die ihre gesellschaftliche Umgebung doch für uns ungewohnt reagierte: Thubten, der tibetanische Mönch, wurde vom Dalai Lama persönlich zum »Orakel« ernannt und geht nun regelmäßig in Trancezustände, um Botschaften aus der »geistigen Welt« zu übermitteln. Andere werden zu hochgeachteten Medizinmännern/- frauen ihrer Stämme, zu Heilern und Heilerinnen.

Der unterschiedliche Umgang mit diesen Phänomenen in solchen Kulturen im Vergleich zur westlichen Welt wird hervorgehoben: Das Einschließen des »Andersartigen« in die Mitte des gemeinschaftlichen Lebens und das Beobachten und Erkennen der besonderen Begabung – der Weisheit – die diese Menschen für alle anderen in ihrer Umgebung bereit halten.

Umgang mit »verrückten Weisen«

Gehen wir gut und richtig mit unseren »verrückten Weisen« um? Verkennen wir sie nicht völlig, wenn wir sie nur wegsperren, sie möglichst ruhig stellen und ihre Symptome medikamentös unterdrücken? Was wäre, wenn wir die Prozesse, die sie durchleben, als Transformationserfahrungen verstehen könnten und sie nicht als unheilbare Krankheiten brandmarken müssten? Wie würde sich die Behandlung verändern, wenn wir diesen Menschen helfen könnten, den Sinn und die Weisheit ihres Leids zu erkennen und nutzbar zu machen? Das sind einige der Fragen, die dieser Film aufwirft.

Er legt nahe, dass es für uns alle bereichernd wäre, zumindest manchen von unseren »ver-rückten Weisen« eine  gesellschaftliche Stimme zu geben und ihnen Lebensräume zur Verfügung zu stellen, die ihren Besonderheiten gerecht werden.

Ihr Rap-Song ganz am Ende stimmt nachdenklich:

Ich habe mir vorgenommen, es zu versuchen in eurer Welt.
Hab’s dann doch vergessen – konzentrisches Gedächtnis.
 »Bald wird alles besser!« Wer glaubt diesen Mist?
Ich habe mich bemüht, zu sein, wie es euch gefällt. 
Ohne mein »Defizit«, wie es mancher sieht.

Warum soll ich auf euch hören? Ihr werdet’s nie versteh’n.
Was ich euch geben kann, ihr nehmt nur die Hälfte an.
Denn ihr wollt nur die Dinge seh’n, die eure Wirklichkeit nicht stören.
Geht’s euch gut? Lasst mich doch in Ruh, so wie ich es tu.

Schätzt jede Flamme, die im Feuer glüht, 
die in der Nacht ihre Funken versprüht 
und aus einem Rest Glut, 
mit neuem Mut, das Feuer wieder entfacht.

Ich bin ich und du bist du. Ich bin du. Wer ist wer?
Ich bin wir.  Ich bin frei.
…
Würde ich das so wie ihr seh’n, hätte ich wohl ein Problem.
Aber dieses nicht ganz perfekte Leben – genau das, will ich mir geben!

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Der Film kann hier in englischer Originalsprache (auch mit deutschen Untertiteln) herunter geladen werden: Vimeo-Crazywise

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