Erfahrungen mit einem „Guru“ – Jayanti

Mein spiritueller Weg begann vor ungefähr 8-9 Jahren in einer persönlichen Lebenskrise, in der sich beruflich und gesundheitlich deutlich zeigte, dass es so nicht mehr weitergehen kann für mich. Ich war wohl nahe an einem Burnout und die körperlichen Symptome, besonders ein Drehschwindel, machten mir zunehmend Angst – ich verlor sozusagen den festen Boden unter den Füßen. Ich machte mich auf die Suche nach neuen Wegen und nach Hilfe für meine Beschwerden und recht schnell befand ich mich schon mitten im Wandel.

Eine intensive Energieerfahrung, die ich nachts hatte, brachte mich in Kontakt mit Reiki und mit dieser einschneidenden Erfahrung, auf die viele weitere wunderbare Erfahrungen auf meinem Reikiweg folgten, war mir schlagartig klar, dass es viel mehr zwischen Himmel und Erde gibt als das, was wir sehen können. Von da an veränderte sich Schritt für Schritt mein ganzes Leben: ich gab mein Angestelltendasein endgültig auf, Immer mehr Dinge fielen weg, wie mein geliebtes Hobby Reiten. Meditation wurde wichtig für mich. Ich begann, Menschen mit Reiki zu behandeln und machte eine Yogalehrerausbildung, die mir endlich ermöglichte, selbständig zu arbeiten. Dabei fühlte ich mich zunehmend glücklicher, zufriedener und innerlich sehr geführt, bekam Botschaften in Form von Texten, die ich aufschrieb, in denen immer wieder von einer wichtigen Aufgabe gesprochen wurde, die ich in diesem Leben habe.

Die Begegnung mit dem Lehrer

Dann tauchte irgendwann der intensive Wunsch nach einem Lehrer auf und ich begann zu suchen, ging zu verschiedenen Satsangs und fand dann „meinen“ Lehrer, bei dem ich mich sofort wie zuhause angekommen fühlte. Die Verbindung, die daraus erwuchs, dauerte genau 4 Jahre und ich erfuhr anfangs unglaubliche, bedingungslose Liebe. Mein Herz öffnete sich mehr und mehr, die Kundalini wurde aktiv, ich gab mich dem ganz hin. In dem intensiven Reinigungsprozess, der dann folgte, erlebte ich die schwerste Zeit meines bisherigen Lebens in Form von dunkler Nacht der Seele (die bis jetzt anhält): Schwere schockähnliche Erfahrungen mit wechselnden Zuständen, großen Ängsten – alles schien von diesem Lehrer auszugehen, der zeitweise zu meinem Guru wurde. Das große Vertrauen zu ihm veränderte sich mehr und mehr in Angst und das Gefühl des Ausgeliefertsein, des Manipuliert-Werdens,  alles fühlte sich nur noch falsch an, was mir geschah.

Die Verbindung endete mit einem sehr großen Schock, der energetisch in mir ausgelöst wurde und einen panikartigen Zustand verursachte, während dem ich versuchte, mir das Leben zu nehmen.  Damit schien etwas zu enden und gleichzeitig fühlte es sich innerlich sehr instabil an, wie Paranoia oder eine Psychose: Die Blickwinkel veränderten sich sehr schnell, es schien, als hätte meine Persönlichkeit sich fragmentiert in mehrere Teile. Es war so beängstigend für mich, zumal ich nie erkennen konnte, was wirklich mit mir geschehen ist, dass ich in eine Klinik wollte (was nicht geklappt hat) und mir psychologische Hilfe suchte.

Rückblick auf die „Guru-Erfahrung“

Im Rückblick auf diese schwierige Erfahrung existieren in mir zwei Sichtweisen: Der Teil, der anscheinend aus der Seele, dem Selbst spricht, sieht das Geschehene aus einem vielleicht übergeordneten Blickwinkel. So wurde diese Lehrer-Schüler-Verbindung als ein Geschehen auf Seelenebene erlebt, von der der Verstand keine Ahnung hat. Von hier kam auch diese immense Liebe und Hingabe an diesen Lehrer/Meister, die der Verstand nicht erklären konnte. Es geschah alles von allein, ich hatte anscheinend keine Wahl, einen anderen Weg zu wählen. Meine Seele wollte und brauchte wohl diese Erfahrung in diesem Leben.

Und gleichzeitig ist da das kleine Ich, der Verstand, der sich total überfordert, getäuscht und belogen, manipuliert und misshandelt fühlt, was aus seiner Sicht auch alles stimmt und der Lehrer sieht aus dieser Sicht sehr streng, grausam und „böse“ aus. Dieser Anteil in mir will auch immer wieder gesehen und gehört werden und er möchte die Menschen unbedingt warnen vor so einem Weg der absoluten Hingabe an einen so genannten „Lehrer“, denn ich wünsche niemandem so eine überaus schwere und schmerzhafte Erfahrung, wie es mir geschehen ist in dieser Verbindung.

Gleichzeitig wird aber auch gesehen, dass es mein ganz individuelles Erleben, mein spezieller, einzigartiger Weg ist. Andere Menschen machen mit diesem Lehrer ganz andere Erfahrungen, für sie ist er nicht zum Guru geworden und sie werden immer noch überwiegend liebevoll von ihm behandelt. Einige erfahren ein Erwachen bei ihm oder durch diese Verbindung. Von ihm geht eine starke Kraft und Energie aus, die in seiner Nähe auch als Liebe erfahrbar ist. Aber es lässt sich auch sagen, dass seine Vorgehensweise sehr radikal ist, so spricht er z.B. oft von einem „Sterbeprozess“ und selten von etwas „Positivem“ und wer einmal mit ihm und dieser Liebe in Kontakt gekommen ist, der kommt meist nicht mehr davon los, er ist an der Angel (so sagt er es selber öfter), der wird ihn nicht mehr los.

Insgesamt würde ich jedem davon abraten, sich einem so genannten „Meister“ hinzugeben und die Eigenverantwortung abzugeben, denn was dann geschehen kann, könnte wie bei mir absolut heftig, radikal und zerstörerisch erfahren werden, wenn der Meister über solche Kräfte verfügt. Mir erscheint es jetzt viel sanfter, einen langsamen, selbstbestimmten Weg nach westlichen Maßstäben zu gehen, wenn man das Gefühl hat, eine Wahl zu haben. Es gibt so viele Wege heute, die mir um ein Vielfaches leichter erscheinen, aber das ist nur mein persönliches Erleben und lässt sich sicher nicht verallgemeinern.

Der Zustand „danach“…

Das alles war Ende letzten Jahres und fühlte sich insgesamt wie ein großer Zusammenbruch und in Folge wie eine schwere spirituelle Krise an. Ich suchte immer wieder nach Hilfe und Unterstützung, fand aber immer nur kurz erste Hilfe, mal bei einer Stelle in Berlin für solche Krisen oder bei einem spirituellen Lehrer. Mein Mann war und ist die größte Hilfe und letztlich mein  einziger Halt auch heute.

Seit Anfang dieses Jahres konnte ich vieles integrieren, was mir in den intensiven vergangenen Jahren geschehen ist und mit vielem konnte ich mich aussöhnen, vieles konnte klarer erkannt werden und so kam immer mehr Frieden damit. Ich erfahre auch jetzt immer wieder  wechselnde Zustände und oft geht es sehr tief runter. Dann sieht die ganze Welt plötzlich für mich wieder dunkel aus und ich erlebe tiefe Depression, Verzweiflung und das Gefühl, so nicht weiterleben zu können. Dazwischen gibt es nun auch Phasen, in denen ich mich innerlich sehr gut fühle: Es kommen kurze Erfahrungen von Liebe oder Freude von innen heraus. Ich fühle mich manchmal verbunden mit allem und habe das Gefühl, authentischer zu sein und mehr Verbindung zu mir selbst, meinem wahren Wesen zu haben.

Ich unterrichte nach wie vor mit großer Freude Yoga und bin ansonsten Mutter und Hausfrau. Es sind die Rollen, die ich spiele und daneben findet Transformation statt, die immer wieder unglaublich schmerzhaft – sowohl körperlich als auch psychisch/seelisch ist. Manchmal höre ich eine innere Stimme, die mir etwas erklärt, ansonsten fühle ich mich oft sehr einsam und verloren, nehme nicht mehr wirklich an dieser Welt teil und sehne mich immer wieder nach Hilfe und Unterstützung – jemandem, der mir erklärt, was genau mit mir geschehen ist.

Vieles kann ich noch nicht selber erkennen und das ist immer wieder überaus schmerzhaft. Ich habe diese überwältigende Liebe kennengelernt, habe selber erfahren, wie es ist, vollkommen erfüllt zu sein, so dass nichts mehr fehlt, hatte einige beeindruckende Gotteserfahrungen vor einigen Jahren. Jetzt ist es anders für mich und ich versuche immer wieder, meinen Weg so zu akzeptieren – der ganz individuell mein Weg ist.

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Fotonachweis Beitragsbild: flickr, Hartwig Kopp-Delaney: „cosmic consciousness“

3 Gedanken zu “Erfahrungen mit einem „Guru“ – Jayanti

  1. Liebe Jayanti,

    danke, dass Du uns Deinen Bericht zur Verfügung gestellt hast, auch wenn diese Erfahrung für Dich noch nicht abgeschlossen und vollständig verarbeitet ist – das wird wohl noch Zeit brauchen.
    Viele von uns machen auf ihren spirituellen Wegen ähnlich des-illusionierende Erfahrungen, mit Weg-Gefährt(inn)en, Gemeinschaften oder auch wie Du mit einem Lehrer oder Guru, dem man sehr vertraut hat und in völliger Hingabe gefolgt ist.
    Ich selbst bin (nach einer des-illusionierenden Erfahrung, die mich lange beschäftigt hat) über dieses Zitat „gestolpert“ und finde es sehr treffend, worum es in solchen Erlebnissen geht:

    „Im Laufe unserer spirituellen Praxis wird unser Herz höchstwahrscheinlich in vielfältiger Weise gebrochen, doch dieser Verrat ist die größte aller Herausforderungen… Desillusionierung gehört zu einem wichtigen Teil des spirituellen Weges. Es ist ein feuriges Tor, einer der besten und reinsten Lehrer des Erwachens, der Un-abhängigkeit und des Loslassens, denen wir jemals begegnen werden. … Diese Herausforderung der Desillusionierung liegt darin, dass wir die Augen offen halten und dabei dennoch mit dem großen Herzen des Mitgefühls in Verbindung bleiben. Ob unser Herz in der tiefen Nacht unserer inneren Praxis oder in der tiefen Nacht unserer Probleme mit der Gemeinschaft aufgerissen wird – immer können wir diese Erfahrung dazu verwenden, eine tiefere Bewusstheit und eine weisere Liebe zu entwickeln.“ (Jack Kornfield)

    Mit herzlichem Gruß
    Marianne

  2. Liebe Marianne,

    Ich danke Dir von Herzen, dass Du mich so dabei unterstützt hast, meinen Bericht zu schreiben. Dank Deiner Hilfe hatte ich überhaupt erst den Mut, diese Zeilen zu veröffentlichen und es fühlt sich grade sehr stimmig an für mich, dass es jetzt so ist. Deine Worte helfen mir auch nochmal, das, was mir geschehen ist, besser einordnen zu können. Zu sehen, dass auch anderen Menschen auf die ein oder andere Weise das Herz gebrochen wird in diesem Prozess und dass Desillusionierung ebenfalls dazugehört tut mir gut und hilft mir, immer mehr in die Akzeptanz zu kommen. Herzlichen Dank für alles, namaste Jayanti

  3. Erinnert mich an die Geschichte von Irina Tweedie, die von ihrem Meister immer wieder gedemütigt wurde. Die untalentierten Schüler wurden freundlich behandelt.

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